Warum High Performer trotz Erfolg nicht abschalten können: Stress, Schlafstörungen und dein Gehirn
Glücksmomente im April
April ist oft ein Monat voller Dynamik. Mehr Licht, mehr Energie, mehr Bewegung. Für viele auch: mehr Tempo. Und gleichzeitig höre ich in Gesprächen, in Sessions und zwischen den Zeilen immer wieder etwas anderes:
„Ich bin müde, wenn ich in der Früh aufwache.“
Gedanken, die nicht aufhören. Ein Körper, der nicht zur Ruhe kommt. Ein System, das zwar erschöpft ist, aber nicht abschalten kann.
Gerade bei Menschen, die viel leisten, viel denken, viel tragen, zeigt sich das besonders deutlich. Erfolg im Außen bedeutet nicht automatisch Ruhe im Innen.
Schlaf ist kein reines Schlafproblem
Schlafstörungen werden oft isoliert betrachtet. Zu wenig Schlaf. Schlechte Schlafqualität. Zu viel Bildschirmzeit.
Doch aus Sicht des Nervensystems ist Schlaf kein einzelnes Thema. Er ist ein Zustand, der nur dann entsteht, wenn unser System in der Lage ist, herunterzuregulieren.
Wenn das nicht passiert, liegt das selten daran, dass wir „falsch schlafen“. Sondern daran, dass unser Körper nicht mehr in den Modus kommt, der Schlaf überhaupt ermöglicht.
Stress spielt dabei eine zentrale Rolle. Nicht nur der offensichtliche Stress. Sondern vor allem auch der funktionale, leistungsorientierte Stress, der oft lange als „normal“ empfunden wird.
Was im Gehirn passiert, wenn wenn du nicht abschalten kannst
Neurowissenschaftlich betrachtet ist chronischer Stress kein abstraktes Gefühl, sondern ein messbarer Zustand. Das Stresshormon Cortisol folgt eigentlich einem natürlichen Rhythmus. Es steigt morgens an, um uns wach und aktiv zu machen, und sinkt im Laufe des Tages wieder ab.
Bei anhaltendem Stress bleibt dieses System jedoch aktiviert. Studien zeigen, dass ein dauerhaft erhöhter Cortisolspiegel mit Schlafstörungen, häufigem nächtlichen Aufwachen und reduzierter Schlafqualität verbunden ist (Meerlo et al., ScienceDirect, 2008).
Gleichzeitig bleibt die Amygdala, ein zentraler Bereich für emotionale Bewertung und Alarmbereitschaft, aktiver. Der präfrontale Cortex, der für Regulation und klare Entscheidungen zuständig ist, wird hingegen in seiner Funktion eingeschränkt.
Das bedeutet:
Mehr Denken. Weniger Klarheit. Mehr innere Aktivität – bei gleichzeitig weniger Steuerung.
Oder anders gesagt: Der Körper ist müde. Aber das Gehirn ist noch im „On“-Modus.
Wenn Leistung zum Dauerzustand wird
Ich kenne diesen Zustand sehr gut. Als jemand, der stark leistungsgetrieben ist, hat mich das Thema Schlaf über Jahre begleitet.
Geschäftsreisen nach Asien, Jetlag, intensive Trainingsphasen, beruflicher Druck. Alles für sich genommen machbar. In Summe jedoch eine konstante Belastung für mein System.
Ich konnte oft nicht einschlafen. Oder bin nachts aufgewacht und habe nicht mehr zurück in den Schlaf gefunden. Mein Kopf war sofort wieder aktiv. Ich habe begonnen, Probleme zu lösen, E-Mails gedanklich zu beantworten oder meine To-Do-Listen durchzugehen.
Ein Teil von mir wollte sogar aufstehen und einfach weiterarbeiten.
Nach außen funktionierend. Nach innen zunehmend erschöpft.
Ich habe mich ausgelaugt gefühlt. Und irgendwann gemerkt, dass selbst Entscheidungen schwerer wurden. Klarheit war nicht mehr selbstverständlich.
Warum gerade High Performer betroffen sind
Was viele nicht sehen:
Die Strategien, die uns erfolgreich machen, sind oft dieselben, die unser Nervensystem langfristig überfordern.
Kontrolle
Disziplin
Durchhalten
Optimierung
All das funktioniert im Außen sehr gut. Im Innen kann es jedoch genau das Gegenteil bewirken.
Denn Schlaf lässt sich nicht erzwingen. Er entsteht, wenn Sicherheit, Regulation und Loslassen möglich sind. Und genau das fällt vielen leistungsorientierten Menschen schwer.
Kleine Veränderungen mit großer Wirkung
Nach vielen Ausbildungen, Gesprächen mit Neurolog:innen, Coaches und intensiver eigener Auseinandersetzung wurde mir klar:
Mein Lebensstil hat mein System nicht unterstützt – sondern zusätzlich belastet.
Ich habe begonnen, Dinge zu verändern. Schritt für Schritt.
Nicht radikal. Sondern bewusst.
Das erste war:
Kein Kaffee mehr nach 10 Uhr vormittags.
Für mich persönlich eine der größten Umstellungen.
Das zweite:
Kein Training und kein Kaffee auf nüchternen Magen.
Gerade bei Frauen zeigt Forschung, dass der Cortisolspiegel etwa 30–45 Minuten nach dem Aufwachen natürlicherweise ansteigt (Clow et al., Stress, 2004). Wenn in dieser Phase zusätzlich Stressoren wie intensives Training oder Koffein hinzukommen, kann das die Stressreaktion weiter verstärken und langfristig das Nervensystem dysregulieren.
Ich habe begonnen, meinen Tagesstart zu verändern. Ruhiger. Bewusster. Weniger reaktiv. Und nach und nach auch den Rest des Tages.
Schlaf beginnt nicht am Abend
Eine der wichtigsten Erkenntnisse für mich war: Schlaf beginnt nicht dann, wenn wir ins Bett gehen.
Er beginnt am Morgen. In der Art, wie wir aufwachen. Wie wir mit unserem Energielevel umgehen. Wie viele Reize wir unserem System im Laufe des Tages zuführen.
Und vor allem: Ob es Momente gibt, in denen wir bewusst regulieren und nicht nur funktionieren.
Ein anderer Blick auf Schlafprobleme
Vielleicht geht es also nicht darum, den perfekten Schlaf zu optimieren.
Sondern darum, zu verstehen, was unser System eigentlich braucht und auch wann.
Weniger Druck.
Mehr Regulation.
Weniger ständiges Tun.
Mehr bewusste Übergänge.
Oder wie ich es heute formulieren würde:
„Schlaf ist kein Ziel, das du erreichen musst.
Er ist eine Folge davon, wie sicher sich dein System fühlt.“
Eine kleine Reflexion
Vielleicht magst du dir einen Moment Zeit nehmen und dich fragen:
Wann am Tag fühlt sich mein System wirklich ruhig an?
Wo bin ich im ständigen „On“-Modus?
Und was würde sich verändern, wenn ich nicht erst am Abend versuche, zur Ruhe zu kommen?
Es braucht nicht immer große Veränderungen.